• Sandro

Markdorf - Mittelalterfest & 1200 Jahre Bestehen

Aktualisiert: vor 5 Stunden


Winzerstube Drei Könige

Faszination Mittelalter

Auch wenn die Geschichten, die man sich erzählt, voll mit Helden, Prinzen und ritterlichen Tugenden sind und daher so gar nicht der Wahrheit entsprechen, finden solche verklärten Bilder mehr Anklang in Kunst, Musik und Film, als die nüchterne harte Realität. Ich kann es niemandem verübeln, denn mir geht es genauso. Ob ich im Kino sitze oder mir selber eine Geschichte ausdenke, darin geht es meistens epochaler und heldenhafter zu als es dazumal war. Wer will schon einen einfachen Schreiner oder Handwerker darstellen, wenn er doch einen aufstrebenden Abenteurer aus einem kleinen Dorf, einen Ritter oder gar Grafen sein kann?

Mittelalterfeste sind bei Jung und Alt sehr beliebt. Kleine Knirpse nehmen ihr Holzschwert mit und drehen eine Runde auf einem Holzkarussell während daneben die Erwachsenen sich einen Becher heissen Met gönnen. Solche Feste sind mehr als nur ein Zeitvertreib an einem Sonntagnachmittag. Sie ermöglichen es für ein paar Stunden in eine vergangene Zeit zu reisen und nachgestellte Szenen zu erleben und nicht nur auf einer Leinwand zu sehen. Wer sich immer noch als Aussenstehender fühlt, kann sich auch einem Verein anschliessen. Diese nehmen regelmässig an mittelalterlichen Events teil und zeigen vor, wie das Leben früher aussah.

Ich selber befasse mich des Öfteren mit dem Mittelalter, vor allem mit dem Thema Ritter. Doch ich war bis jetzt weder an einem Rittermahl noch an einem Mittelalterfest. Es war also an der Zeit dies zu ändern. Auf einer Fahrt nach Ulm viel mir am Dorfeingang von Markdorf ein grosses Werbeplakat auf. Der Mittelalterevent werde zum 1200. Geburtstag des Ortes stattfinden.

Das Stadttor

Mäuseroulette

Eine Woche später mischte ich mich dann unter die Leute und lies mich treiben. Es gab Stände mit Handwerksarbeiten, Schmuck, Lederwaren und Gewändern für das einfache Volk sowie für den feinen Herrn oder die Dame am Hofe. Auf halber Strecke gab es eine kleine Ansammlung von Leuten. Ich war neugierig. Es war der Stand von Markus dem Mäusegaukler aus Maushausen. Er reist von einem Fest zum nächsten und gibt dem Gesinde was es will: Spiele. Was wäre ein Mäuseroulette ohne Mäuse. Sie sind die wirklichen Hauptdarsteller. Bis im September 2017 war "Quendolin der Weise" die sogenannte Glücksfee. Aus Altersgründen ging er in den verdienten Ruhestand. In Zukunft nimmt unter anderem "Barbara von Gotland" seinen Platz ein. Doch was ist überhaupt ein Mäuseroulette? Meistens wird eine Arena im mittelalterlichen Design gebaut. Darin befinden sich Häuschen, Stallungen, Schlösser und Burgen. In allen Öffnungen wird etwas zum Futtern hinterlegt und auf den Dächern können die Schaulustigen ihre Wette platzieren. Dann wird die Maus oder der Mäuserich in der Dorfmitte freigesetzt. Das Tier muss sich zuerst zurechtfinden und läuft hin und her. Um diese Zeit zu überbrücken erzählt der Gaukler die Geschichte des kleinen Helden oder erfindet gleich eine, je nachdem was die Maus gerade macht. Früher oder später geht "Barbara von Gotland" in eines der Türen zum Futter. Ist der Körper über der Schwelle, haben die Spieler gewonnen, die auf dieses Haus gesetzt haben. Sie erhalten nun z.B. das Doppelte des Einsatzes zurück. Alle anderen gehen leer aus. Ebenso, wie beim echten Roulette.

Mäuseroulette

Fleisch am Spiess XXL und heissen Met

Irgendwann braucht ein Krieger eine richtige Mahlzeit. Nur von Luft und Sonne werden keine Bäuche satt. Weiter oben, neben der Haupttribüne befand sich die Fressmeile. Hier loderte, brutzelte und zischte es. Es roch nach gebratenem Lachs, ganzem Schwein und Ochsenfleisch am Spiess. Wem da nicht das Wasser im Munde zusammenlief... Alle paar Meter gab es werschaftliche Hausmannskost. Alles sah lecker aus, doch ich entschied mich für das grosse Teil, den XXL Spiess. Nachdem der halbe Ochs verschlungen war, hatte der Magen wieder Arbeit. Aber nun fühlte sich die Leber benachteiligt. Also offerierte ich ihr auch eine Runde oder zwei. Wer weiss das schon. Was ich sagen kann ist, dass die Stühle, Bänke und die Bar auch nach meinem Verschwinden noch standen. Auch wenn es ein Mittelalterfest ist, wollen wir ja nicht alle damaligen Sitten übernehmen. Nachdem der heisse alkoholhaltige Honig die Kehle hinuntergelaufen ist und den Körper wärmte, setzte ich meinen Rundgang fort.

Ein Becher Met

Handwerkskunst und ein berühmter Entdecker

Ja früher, da war noch alles besser. Das hört man immer wieder sagen, wenn etwas mit der Technik nicht funktioniert. Diese Leute haben vergessen, wie viel anstrengender die meisten Arbeiten und täglichen Aufgaben waren. Da gab es noch keine Maschinen. Die einzigen Hilfskräfte waren die Menschen. Egal ob man Seile machte, Stoffe nähte und färbte, Tiere hielt oder Äcker bewirtschaften, alles musste von Hand gemacht werden. Hier auf dem Markt, Jahrhunderte später, finde ich es toll zu sehen, wie man früher die Dinge machte. Einerseits ist es ein Erlebnis, anderseits wird man auch wieder dankbarer dafür, dass wir so verwöhnt sind.

Ich schaue zu, wie man früher Seile machte und besuche den Stand des Lichtermachers. Vom Kerzenhalter für den nächtlichen Toilettengang, über die Leselampe bis zur Wandleuchte stellte der Handwerker alles aus. Schnell habe ich die Nachteile der Vergangenheit vergessen und stelle mir vor, wie ich als Ritter und Herr einer kleinen Burg auf einem Felsvorsprung durch Gänge laufe, die von flackernden Kerzen beleuchtet werden, um nachzuschauen, ob die Nachtwachen auch wirklich die Augen offenhalten. Ich schlage einem Soldaten auf seinen Helm und merke von seiner Reaktion, dass er schon fast am weg dösen war. Ich nehme eine Fackel aus der Wandhalterung und mache eine Bewegung, die den Anschein erweckt, ich wolle dem Manne das Gesicht verbrennen. Dieser erschreckt dermassen, dass er die nächsten zwei Nächte keinen Schlaf mehr findet. Er hat seine Lektion gelernt und ich kann beruhigt schlafen gehen.

Gleich neben dem Stand der Seilerin schlug Niklas Koppernigk seine Zelte auf. Bekannter ist er unter dem latinisierten Namen Nicolaus Copernicus. Er war Domherr, Arzt und Astronom und widmete sich auch der Mathematik und Kartographie. Er ist berühmt für sein Werk De revolutionibus orbium coelestium. Darin beschreibt er das heliozentrische Weltbild, also, dass die Welt ein Planet ist, sich um die eigene Achse dreht und wie andere Planeten um die Sonne fliegt. Bis dahin herrschte hauptsächlich die Ansicht, dass sich alles um die Erde bewegt - geozentrisches Weltbild. Seine Schilderungen waren für die damalige Zeit revolutionär und stehen für den Beginn der neuzeitlichen Astronomie. Leider war Coppernicus gerade zu beschäftigt um mit mir über Planeten, die Erde und das Universum zu sprechen. Ich hoffe zumindest, dass ein wenig Forscher- und Entdeckerluft zu mir hinüber blies.

Astronomus Nicolaus Copernicus

Ein richtiges Schwert für einen richtigen Ritter

Ein Schreiber benötigt eine anständige Feder, ein Baumeister gutes Holz, ein Abenteurer Mut und ein Ritter sein eigenes massgefertigtes Schwert. In den Anfängen, als der Ritterstand aufkam, durften nur Krieger immer ein Schwert am Schwertgurt tragen, die durch die Schwertleite und später durch den Ritterschlag nobilitiert wurden. Alle, die sich den Ritterstand nicht leisten konnten oder wollten, blieben Edelknechte und befestigten ihr Schwert am Pferd. Da die sichtbaren Unterschiede immer geringer wurden und Geld sowieso mehr wert war um Ziele zu erreichen, entstand ein grosses Missverhältnis zwischen Rittern und Edelknechten. Irgendwann wurden sogar Gesetze geschaffen, die finanziell betuchte Kinder von Rittern dazu zwang, den Adelstitel Ritter zu führen. Aber wir wollen uns nicht mit Fakten abgeben. Der geschaffene Mythos um diese fabelhaften Kämpfer ist viel interessanter, wie z.B. ihr Kodex, Lebensstil und ihre hauptsächlich verwendeten Waffen, wie das Schwert, die Lanze und der Morgenstern. Ein Mittelalterfest, ohne einen Schmied oder Waffen- und Rüstungshändler, wäre nicht komplett. Gleich neben einem Getränkestand wurde ich fündig. Waffen und Alkohol passen doch immer gut zusammen, nicht?! Andere Zeiten, andere Sitten. Während ich mir die ausgestellten Objekte anschaute, schweiften meine Gedanken wieder ab...

Unter der Decke wäre es eigentlich schön warm, doch ein ungelöster diplomatischer Zwischenfall raubt mir den Schlaf. Mit der kleinen Nachttischkerze mache ich meine Runde im angrenzenden Büro und zünde alle Kerzen an. Ich setze mich nieder und lese noch einmal ein Dokument durch. Ein paar Möglichkeiten um die Wogen zu glätten, hätte ich. Doch welche ist die beste Lösung? Wähle ich den falschen Weg, könnte das schwerwiegende Konsequenzen haben. Ich habe zwar die besten Ritter des Landes und tapfere Krieger, doch einen Kampf mit Graf Rainer von Hardenberg möchte ich dennoch verhindern. Die Sonne geht auf und ich muss mich entscheiden. Unter eines der vorgefertigten Schreiben setze ich meine Unterschrift und das fürstliche Siegel. Gerade möchte ich aufstehen und den Brief einem Postboten überbringen, klopft es an der Tür. Nach einer Entschuldigung wegen der Störung, lasse ich Laurus, einen meiner Berater hinein. "Mein Fürst, ich bin untröstlich Euch diese Nachricht übermitteln zu müssen, aber Graf Rainer von Hardenberg macht gemeinsame Sache mit Baron Alfons von und zu Tannenburg. Der alte Feigling von Tannenburg macht sicher für ein paar lausige Goldstücke und und die Hoffnung auf unsere Köpfe mit. Unser bester Spion meint, dass an beiden Höfen die Armeen losmarschieren. Wir sind das Ziel".

Ich falle in meinen Stuhl zurück. Ich versuche meine Verzweiflung mir nicht anmerken zu lassen. Doch ich weiss was jetzt kommen wird. Es ist unvermeidlich. Ich muss diesen Halunken zuvorkommen und mich mit meinen Männern auf dem Kamm des Engelsberg verstecken, um die Feinde dort zu überraschen. "Alle sollen sich marschbereit machen und bringt mir jemanden, der mir hilft meine Rüstung anzuziehen." "Jawohl mein Fürst. Wir stehen hinter Euch, bis in den Tod." Nachdem mein Berater die Tür hinter sich zuzieht, stehe ich auf und nehme mein Schwert in die Hand. Es ist von einem Meister seines Faches gefertigt worden, wunderschön und hässlich zugleich. Der Eleganz, den Verzierungen und der kühlen Macht, die von ihr ausgeht, kann man sich nicht entziehen. Trotzdem möchte ich es eigentlich nicht benutzen. Es ist totbringend für das Gegenüber oder den Träger. Aber was habe ich schon für eine Wahl? Ich begutachtete meine Rüstung, die mit den Sternen um die Wette glänzt. Um sie herum hängt mein nachtblauer Umhang, der mir in der Schlacht Anmut verleihen soll. Doch weder wegen der Eleganz, der Macht oder dem Ruhm, ist es wert diese Dinge einzusetzen. Wenn nicht heute, dann morgen. Aber früher oder später wird Blut fliessen, während Klingen und Hämmer stumm ihrer Bestimmung nachgehen. Und noch in tausend Jahren werden Waffen uns Menschen faszinieren und nicht loslassen, während sie uns zu Hauf ins Verderben schicken...

Stand für Waffen und Rüstungen

Ein feudales Haus

Gleich am Anfang des Ortseinganges befand sich bis Ende Oktober das Hotel Bischofschloss mit einer speziellen und ideenreichen Art, wie Gäste betreut werden. Leider musste der Inhaber schliessen, da bei neuen Verhandlungen mit der Stadt und einem weiteren Investor keine Übereinkunft erzielt wurde. Als Abschluss war es dem Hotelier wichtig, dass seine Geschichte auch später noch weiterlebt. Darum veranstaltete er Führungen durch die alten Gemäuer, wo früher auch Geistliche lebten. Einer der ersten Hingucker ist der Aufzug. Er ist zwar nicht gross, dafür bringt er jeden zum Lachen und Staunen. Er wurde wie eine Dusche gestaltet, inklusive Wasserschlauch. Daraus ergaben sich witzige Gespräche: "Entschuldigung, aber in der Dusche kommt kein Wasser." In einem der Zimmer befindet sich immer ein Schild unter dem Bett mit der Aufschrift, dass man bei der Abgabe dieses Gutscheins eine Flasche Sekt erhält. Wenn Geschäftsleute oder Feriengäste vor der Abreise noch unter das Bett gucken, sind sie völlig verwundert. Mit diesem Blick gehen sie dann zur Reception und fragen nach, ob das stimmt oder nur ein Witz ist. Dem Inhaber war wichtig, dass er den gestressten Businessleuten ein Lächeln ins Gesicht zaubern konnte. Aber auch die Geschichten, die daraus entstanden, nimmt er freudig in die Zukunft mit. Viele Berühmtheiten haben schon bei ihm übernachtet. Darunter waren Otto, Udo Jürgens und Topmanager grosser deutscher Unternehmen. Udo Jürgens nahm regelmässig im Bademantel das Frühstück zu sich. Eines der grössten Highlights in einer der Suiten war das Prinzessinnenzimmer. Vom Kinderbett über die Lampen bis zum TV Bildschirm war alles rosa. Gestandene Männer fanden dieses Zimmer so entzückend, dass sie oft Selfies darin machten und sie ihren Kindern schickten. Diese wollten dann unbedingt beim nächsten Aufenthalt auch dabei sein. Gratis Werbung, was will man mehr?

Aufzug im Hotel

Rittermahl und Mittelaltermärkte

Lust bekommen? Dann habe ich hier interessante Links zu Gaumenfreuden und Essgelage an Rittertafeln in der Region Bodensee. Mittelaltermärkte werden an verschiedenen Orten am See abgehalten.

Schau in der Bildergallerie für weitere Eindrücke vorbei.

Warst Du schon einmal an einem solchen Fest? Bist Du sogar als Künstler aufgetreten oder standest hinter einem Stand? Erzähl uns doch wie es war.

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Pferd satteln, Schwert umgürten und dem Sonnenuntergang entgegenreiten. Wir sehen uns im nächsten Abenteuer

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