• Sandro

Pfahlbauten am Bodensee - Zurück in die Steinzeit

Aktualisiert: vor 3 Stunden


Das Dorf Sipplingen

Vorwort

Grünblaues Wasser, Enten, die sich zur Selbstdarstellung in Scharen versammeln, Schiffchen am ankern in Ufernähe und Sonnenstrahlen auf den Wangen. Ich befinde mich in Unteruhldingen am Bodensee und erlebe hautnah

mehr als 3000 Jahre Geschichte. Auf 5 Hektar Gelände stehen 23 Pfahlbauhäuser, die uns erzählen, wie die Menschen, von 4000 v. Chr. bis zum Ende der Bronzezeit um 850 v. Chr., gelebt haben. Im Jahr 2011 wurde die Auszeichnung "UNESCO Weltkulturerbe Prähistorische Pfahlbauten" für 111 Fundstätte an den Gewässern der Voralpenregion in Italien, Frankreich, Schweiz, Slowenien, Österreich und Deutschland vergeben. Das stellte das Freilichtmuseum, welches seit 1922 besteht, vor neue Herausforderungen.

Ich möchte nicht zu lange bei den Eckdaten bleiben, sondern in diese faszinierende Welt eintauchen. Schliess Dich mir an.

Rundweg Pfahlbaumuseum

Multimediaerlebnis (Punkt 1)

Zum Auftakt des Rundgangs wird uns Besuchern in mehreren Räumen eine Multimediashow geboten. Darin wird einem unter anderem visuell und akustisch nahegebracht, wie die versunkenen Dörfer unter Wasser erforscht werden.

Das Panorama (Punkte 2, 3 & 4)

Nach dem verstummen des letzten Tones und Bildes der Multimediashow, öffnen sich die Tore und geben die Sicht auf die ganze Anlage frei. Draussen hat es gleich Sitzgelegenheiten um die hübschen Häuschen und dessen Bauart auf sich einwirken zu lassen. Wir wollen aber nicht zu viel Zeit vergeuden. Daher machen wir uns auf, die Pfahlbauten von nahem zu bestaunen. Wir sind ja auch hier um etwas zu lernen.

Gleich am Ende des Stegs beginnt eine Brücke, die uns bis zu 3000 Jahre in die Vergangenheit zurückschickt. In der Mitte des Stegs, befindet sich eine weitere Aussichtsplattform, von wo das "Dorf Sipplingen" (Punkt 18), vor sich hinschwimmende Einbäume und das "Haus Hornstaad" und "Arbon" (Punkt 29) von einem besseren Winkel begutachtet werden können. Die meist aus Eiche gebauten Einbäume wurden bei Nichtbenutzung geflutet und vertäut, damit sie nicht so leicht davonschwimmen.

Kehrt man sich um 90-100 Grad, sieht man auf das Dorf "Bad Buchau" (Ab Punkt 5) und die Häuser aus dem Gründungsjahr 1922. In einem der beiden Gebäude wurde sogar 1926 ein Stummfilm gedreht (Punkt 11). Drehen wir uns noch ein wenig mehr, erstreckt sich der Bodensee vor uns. An schönen Tagen glänzt und schimmert die Wasseroberfläche. Ein paar Häuser haben Aufsätze auf ihren Dächern. Diese Hörner sehen aus wie Pferdeköpfe oder Enten. Den Dachreitern wird eine besondere Bedeutung zugesprochen.

Der örtliche Ruderclub brauchte zu 8. in einem Experiment 30 Minuten für eine Schnellfahrt auf die andere Uferseite, welche 2.5 km entfernt liegt. Dafür wurde ein 13 m langer Einbaum verwendet.

Sind alle Bauwerke hineingesogen worden, geht es auf zur nächsten Plattform.

Schwimmende Einbäume und das "Haus Hornstaad" und "Arbon"

Das Dorf "Bad Buchau" (Punkte 5-10)

Gleich am Anfang der auf Stelzen gebauten Plattform steht ein grosser Ofen, der zum Keramikbrennen benutzt wurde. Die Brände dauerten etwa 24 h. Im Kuppelofen konnten bis zu 70 Gefässe zeitgleich gebrannt werden. Brände waren nicht selten. Aus Sicherheit wurden daher die Öfen etwas abseits gebaut. Heftige Brände zwangen die Bewohner dazu, ihre Häuser zurückzulassen. Geschah dies während eines Winters, konnte die Katastrophe auch existenzbedrohend sein.

2 Schritte entfernt, steht das Haus des Töpfers. Drinnen ist das, ohne Töpferscheibe, handgemachte Geschirr der Bronzezeit (hier ca. 1000 v. Chr.) zu bewundern. Während das normale Geschirr nur grob verstrichene Oberflächen in Braun und Grau hatte, sah das Sonntagsgeschirr schon ansehnlicher aus. Gerne gesehen waren schwarz geschmauchte und polierte Stücke oder z.B. schwarze Gefässe mit weisser Verzierung aus Knochenpaste und rote Töpfe.

Trockenfleisch, geräucherten Fisch, Hülsenfrüchte, Kräuter und gedörrte Äpfel wurden im Vorratshaus gelagert. Topfdeckel und in Säcken aufgehängte Lebensmittel war Pflicht. Ansonsten machten sich dort die Mäuse ans Werk. Die Fischerei wurde zu jeder Jahreszeit betrieben. Die Lage war ja ideal dafür. Im Sommer war die Kost am leckersten und abwechslungsreichsten. Dinkelbratlinge in Himbeerjus und Hechtsteak gehörten da zu den Delikatessen. Im Herbst kam dann der frisch geerntete Salat oder die Bohnen zusätzlich zum Schweinebraten auf den Teller. Im Winter lebten die Pfahlbauer vom Speicher, aber auch vom Sammeln und Jagen. Hatte der Jäger Glück, gab es vom Koch anstelle Hirsebrei mit Pilzen auch einmal eine Abwechslung wie Wildgulasch. Die Bärlauchsuppe und der Räucherfisch mit Gerstengraupen waren im Frühling an der Reihe.

Im Museumsshop sind Rezeptbücher mit authentischen Gerichten zu finden. Ich würde am liebsten gleich etwas nachkochen. Wer in der Scheune auch immer eine Angel bereit hält, so wie früher die Bewohner der Pfahlbauten, kann sich sein Fisch natürlich zuerst auch selber fangen gehen. Achtung: Anglerausbildung benötigt!

Ein Haus ist nicht zu übersehen, denn es überragt alle anderen an Grösse. Ich spreche aber nicht nur von der Qualität und den Massen des Gebäudes, sondern auch von dessen Inhalt. Dies war das Heim des Clanchefs. Dementsprechend waren sein Reichtum und die Innenausstattung des Hauses üppiger als beim Durchschnitt. Aufwändig hergestellte Kleider und Schmuck mit Bernsteinen oder Glasperlen machen dies deutlich. Im Halbdunkeln sieht man eine glänzende Rüstung und hinten in der Ecke steht ein thronähnlicher Stuhl.

Ganz in der Ecke der Plattform bekommen wir einen Einblick in die Werkstatt eines Bronzengiessers. Darin wird alles ausgestellt, was sich ein Mensch der Bronzezeit erträumt hat. Zu sehen sind Schmuck, Waffen und Werkzeug erster Güte. Nicht ohne Grund wurde eine ganze Epoche in- und ausserhalb von Europa Bronzezeit genannt. Diese Legierung war formbarer und technologisch vielfältiger zu nutzen als Stein. Die Handwerker waren in den Augen der Bewohner Künstler und ihre Produkte heiss begehrt.

Eine Siedlung, wie diese am Bodensee hatte einen privilegierten Standort. Die Wasserstrassen Rhein und Donau verband sie mit ganz Europa. Dadurch wurde es als Handelsplatz genutzt und kam so einfacher zu Dingen wie Schwerter aus Frankreich, Nadeln aus Italien oder Pferdegeschirr aus der russischen Steppe.

Das Dorf "Bad Buchau" und die beiden Gebäude des Gründerjahres

Das Dorf "Unteruhldingen" (Punkte 12-17)

Am Ende der S-Brücke stehen von ehemals 87 Häusern 5 Exemplare und einen Teil der Palisade. Das ursprüngliche Pfahlfeld befindet sich 500 m südlich vom Hafen. Im Winter ist es noch heute aus der Luft zu sehen.

Der schön geschnitzte Firstpfahl aus Eiche, der vor dem Kulturhaus steht, wurde ausgegraben. Die Muster sind typisch für die Spätbronzezeit. Sie stehen für die Clan- oder Familienzugehörigkeit aber auch eine symbolhafte Zeichensprache des heutigen Dreiländerecks. Gegen Ende des Winters, wenn der Wasserspiegel noch tief war, wurde das Gerüst für 5-10 Häuser erstellt. Der vorbereitende Holzschlag konnte gut 3 Jahre dauern. Ein Dorf stand vollkommen nach etwa 7-8 Jahren. Es wurde maximal 25-30 Jahre genutzt, danach gab man die Siedlung auf und errichtete in der Nähe ein neues.

Anhand von Knochenanalysen werden uns im Tierhaus Nachbildungen gezeigt. Die Schweine der Bronzezeit waren aufgrund von Kreuzungen mit Wildschweinen grösser als in der Steinzeit. Die Rinder dünken einem gedrungener aber muskulöser.

Im Haus rechts aussen, sehen wir eine Altagsszenerie, so wie es dazumal hätte sein können. Schau selbst hinein, um die täuschend echt nachgebildeten Figuren auf Dich wirken zu lassen.

Gegenüber steht das Haus der Fragen. Darin erhalten wir auf die momentan 50 wichtigsten Besucherfragen eine Antwort. Auf der Homepage des Museums gibt es noch mehr Antworten in diversen Sprachen.

Firstpfahl und daneben ich am Einatmen der "Unteruhldinger-Luft"

Das "Dorf Sipplingen" (Punkte 18-24)

Das von Palisaden umzäunte Dorf widerspiegelt die Siedlungskonstruktionen der Jungsteinzeit von 4000 v. Chr. bis 3000 v. Chr.. Sipplingen, mit seinen 6 Häusern, steht für einen grösseren Ort der Steinzeit, dessen geschützte Ruinen unter Wasser 15 km nordwestlich zu finden sind. Zur damaligen Zeit, gab es Dörfer mit Halb- und Rundumpalisaden mit Land- und Seezugang, wie auch offfene Siedlungen am Ufer oder dem seichten Wasser. Die rekonstruierten Häuser haben unterschiedliche Grössen. Die Masse haben mit dem Auffindungsort zu tun. Aber die meisten Gebäude, die wir hier sehen, stehen für den gebräuchlichen Bauttyp, den man über 3000 Jahre am Bodensee verwendete. Die Häuser sind fast immer zweiräumig und besitzten eine kleine Küche, wo auch teilweise ein Backofen drinstand. Die meist mit einem überdachten Vorplatz gebauten Eingänge, befanden sich auf der Südseite.

Die Menschen lebten noch schlichter als in der Bronzezeit. Kupferschmuck oder Feuersteindolche waren kaum zu bekommen und daher Luxusgüter. Damals war, wie der Name schon sagt, der Stein das bevorzugte Werkzeugmaterial. Hier im Dorf stehen die Häuser des Steinhauers, des Webers, des Töpfers und des Fischers.

Die Schwemmhölzer, die wir an Land herumliegen sehen, gehören einem wissenschaftlichen Experiment an. Es soll herausgefunden werden, was nach einem Zerfall von Pfahlbauten nach Jahrzenten noch übrigbleibt.

Das "Dorf Sipplingen"

Pfahlbauziegen (Punkt 25)

Im offenen Stall weiden saisonal Pfahlbauziegen der Rasse Pfauenziegen. In der Schweiz gibt es noch etwa 1500 geschützte Tiere. Sie wurden in der Steinzeit gerne gehalten, da sie auch nasse Standorte gut vertragen.

Das SWR Filmdorf (Punkt 26)

Hier können wir in das originale Filmdorf des ARD/SWR-Films "Leben in der Steinzeit vor 5000 Jahren - das Experiment" sehen. Er wurde im Jahr 2006 gedreht und diente 7 Erwachsenen und 6 Kindern als Heim auf Zeit. Das soziale Experiment drohte mehrere Male zu scheitern.

Das SWR Filmdorf

Fazit

Mir persönlich gefiel der Rundgang sehr gut. Und Dir? Obwohl ich schon einmal im Pfahlbauerdorf war, konnte ich viele neue Informationen aufnehmen und tolle Fotos schiessen. Durch wechselnde Themen, Partnerschaften, Projekte und der Verknüpfung mit modernen Technologien, entwickelt sich das Museum immer weiter und wird auch bei einem wiederholten Besuch nicht langweilig. Visuell gesehen, spricht mich das "Dorf Sipplingen" mit den Palisaden am Meisten an. Müsste ich ein Haus auswählen, dann wäre es das des Clanchefs. Es ist nicht nur das grösste Gebäude, sondern auch das bestausgestattete. Als ich dort drinnen stand, malte ich mir schon die wildesten Abenteuergeschichten aus. Natürlich ist dies ein verklärtes Bild der Vergangenheit. Aber ein bisschen träumen darf man doch, oder?

Was hat Dir am besten gefallen? Schreib es doch als Kommentar nieder.

Hotel Hirschen in Horn (DE)

Es gibt definitiv Hotels und Restaurants, die eher auf der Strecke gelegen hätten. Ich hatte aber schon lange diese Lokalität ins Auge gefasst. Jedes Mal am Konstanzer Weihnachtsmarkt sprach mich dessen Stand an. Daher nahmen wir die 40-minütige Fahrt in Kauf - und es lohnte sich. Das moderne Hotel mit Bergelementen ist umgeben von alten, aufgekauften und renovierten Häusern und in einem Naturschutzgebiet eingebettet. Daher ist die Sicht auf den Bodensee unverbaubar. Es gibt mehrere Ecken mit unterschiedlichem Ambiente und passend dazu eine herzhafte oder raffinierte Küche. Das Hotel hat seit neuerem auch eine Sauna mit Sicht in den tollen Garten. In den diversen Häusern findet jeder das passende Zimmer zum Übernachten.

Die Temperatur war immer noch angenehm und erlaubten es uns draussen zu essen. Ich bestellte aus der bürgerlichen Küche - Ochsenfetzen und Pommes, dazu Salat. Alles rund um den Ochsen gehört zu den Spezialitäten des Hauses. Für all die, die ihr Mahl nicht mit Geld bezahlen möchten, sondern mit Naturalien, können musizieren. Dem Wirt, der selber ein Blasmusiker ist, war es ein Anliegen, den alten Brauch - Musikern ein Essen zu spendieren - wieder auferstehen zu lassen. Wer nach dem Eindunkeln nicht schon aufbrechen will, hat die Möglichkeit drinnen an der Bar noch einen Schlummer- respektive Heimfahrttrunk zu sich zu nehmen. In der stimmungsvollen Atmosphäre ist es möglich sich im Schach an kleinen Tischchen zu messen.

Hotel Hirschen in Horn (DE)

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Ich hoffe wir sehen uns beim nächsten Abenteuer wieder.

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